AWMF-S2-Leitlinie
„Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen psychischer Traumatisierung“ von Prof. Jürgen Bengel
Seit September 2009 ist die S2-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen psychischer Traumatisierung“ auf dem Leitlinienportal der AWMF veröffentlicht:
http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-027.html.
Hintergrund
Die AWMF ist die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (e. V.). Hier sind derzeit 156 wissenschaftlich arbeitende Fachgesellschaften aus allen Bereichen der Medizin zusammengeschlossen. Eine wichtige Aufgabe der AWMF ist die Entwicklung und Kontrolle von Leitlinien für die gesundheitliche Versorgung.
Studienergebnisse, Reviews und Metaanalysen werden zunehmend in Form von Leitlinien als Handlungsempfehlungen aufbereitet. Zur Bewertung von Studienergebnissen und darauf aufbauenden Handlungsempfehlungen werden Evidenztypologien verwendet. Als Levels für die Qualitätsbeurteilung der Evidenz therapeutischer Maßnahmen werden gemäß der Canadian Task Force on the Periodic Health Examination folgende Stufen angenommen (Rudolf & Eich, 1999, S. 125f):
- I Evidenz aufgrund mindestens einer adäquat randomisierten kontrollierten Studie
- II-1 Evidenz aufgrund einer kontrollierten, nicht randomisierten Studie mit adäquatem Design
- II-2 Evidenz aufgrund von Kohortenstudie oder Fall-Kontrollstudie mit adäquatem Design, nach Möglichkeit von mehreren Forschungszentren oder Forschungsgruppen durchgeführt
- II-3 Evidenz aufgrund von Vergleichsstudien, die Populationen in verschiedenen Zeitabschnitten oder an verschiedenen Orten mit oder ohne Intervention vergleichen
- III Meinungen von respektierten Experten, gemäß klinischer Erfahrung, beschreibender Studien oder Berichten von Expertengremien
Besonders in Bezug auf die hier vorgestellte Leitlinie ist es wichtig hervorzuheben, dass Evidenzstufe III nicht impliziert, dass es keine Evidenz für eine Empfehlung gibt, sondern dass zu dieser Empfehlung zum aktuellen Zeitpunkt keine Studien existieren und dass diese Empfehlung deshalb auf klinischer Erfahrung von Experten beruht. Die Tatsache, dass zu einer Fragestellung keine Studien vorliegen, kann dadurch bedingt sein, dass die Forschungsaktivität in einem bestimmten Feld gering ist, aber auch dadurch, dass der Forschungsgegenstand schwerwiegende forschungsmethodische Probleme aufwirft (z. B. ist es schwierig, im Kontext von Katastrophen randomisierte Studien durchzuführen).
Die Leitlinien der Mitgliedsgesellschaften der AWMF werden in drei auf die Entwicklungsmethodik bezogene Klassen eingeteilt:
- S1: von einer Expertengruppe im informellen Konsens erarbeitet (als Ergebnis werden Empfehlungen ausgesprochen)
- S2: eine formale Konsensfindung und/oder eine formale "Evidenz"-Recherche hat stattgefunden
- S3: Leitlinie mit allen Elementen einer systematischen Entwicklung (Logik-, Entscheidungs- und "outcome"-Analyse).
Entwicklung
Die Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen psychischer Traumatisierung“ wurde in Abstimmung mit der AWMF von einer Expertengruppe entwickelt und im Delphi-Verfahren sowie durch eine Konsensuskonferenz mit Experten aus dem deutschsprachigen Raum abgestimmt. Die Empfehlungen dieser Leitlinie wenden sich an alle in der Versorgung akut traumatisierter Menschen tätigen Berufsgruppen.
Sie wurde durch folgende Fachgesellschaften bestätigt:
- Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN)
- Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe e. V. (DGPFG)
- Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM)
- Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT).
Sie basiert u. a. auf der NICE-Guideline Post-traumatic stress disorder (NICE, 2005) und auf den Australian Guidelines for the Treatment of Adults with Acute Stress Disorder and Posttraumatic Stress Disorder (ACPMH, 2007). Ziel der NICE-Guideline (http://guidance.nice.org.uk/CG26) ist die Information über Behandlung und Management der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Die Empfehlungen wurden durch ein multidisziplinäres Team aus Fachleuten, PTBS-Betroffenen und Leitlinien-Methodikern systematisch auf Basis der besten jeweils vorliegenden Evidenz entwickelt. Sie enthält Kapitel zu Frühinterventionen sowie zu Risikofaktoren und Screening.
Inhalt
Inhaltlich liefert die Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen psychischer Trauma-tisierung“ eine Definition akuter Traumafolgestörungen sowie eine Beschreibung von Symptomatik und Epidemiologie. Sowohl für die Diagnostik als auch für die Behandlung von akuten Folgen psy-chischer Traumatisierung werden Stufenmodelle empfohlen:
Diagnostik
- Beobachtung und Risikoabschätzung in der Erstversorgung
- Allgemeine ärztliche und psychologische Frühdiagnostik
- Spezielle psychotherapeutische Diagnostik
Behandlung
- Psychische erste Hilfe
- Psychosoziale Akuthilfen einschließlich Bedürfnis- und Bedarfserhebung und Indikationsstellung
- Psycho(trauma)therapeutische Frühintervention und längerfristige Unterstützung im sozialen Netzwerk
Maßnahmen der psychischen ersten Hilfe und der psychosozialen Akuthilfen (emotionale und soziale Unterstützung, Befriedigung basaler Bedürfnisse, non-direktive unterstützende Kontakt-aufnahme, dosierte Informationsvermittlung, Unterstützung von äußerer und innerer Sicherheit) gehören zum Standard klinisch-psychologischer und psychiatrischer Versorgung. Es ist jedoch nicht belegt, dass mit diesen Maßnahmen das Auftreten von Traumafolgestörungen verhindert werden kann (Evidenzstufe III). Dies gilt auch für unspezifische Interventionsstrategien (Psychoedukation, Screening bzgl. Risikofaktoren, Monitoring bzgl. Symptomentwicklung, psychopharmakologische Intervention, Unterstützung sozialer Vernetzung, praktische und soziale Unterstützung, Indikationsstellung zu weiterführender Versorgung, Mitversorgung von wichtigen Bezugspersonen).
Zu einigen spezifischen Interventionsstrategien in der Frühintervention liegen recht viele adäquate Studien vor, so dass hier Empfehlungen ableitbar sind: Personen mit Akuter Belastungsstörung sollten innerhalb des ersten Monats nach dem traumatischen Ereignis mit trauma-fokussierter kognitiv-behavioraler Therapie beginnen; diese sollte Exposition und/oder kognitive Therapie enthalten (Evidenzstufe I). In Bezug auf Debriefings (single session) zeigen die Studienergebnisse, dass diese die posttraumatische Symptomatik nicht verringern. Debriefings, die auf das traumatische Ereignis fokussieren, sollten nicht standardmäßig nach traumatischen Ereignissen eingesetzt werden (Evidenzstufe I). Indikationskriterien liegen nicht vor.
Die Leitlinie schließt mit der Herausstellung von Aufgaben zukünftiger Forschung zu den akuten Folgen psychischer Traumatisierung.
Literatur:
Australian Centre for Posttraumatic Mental Health (2007). Australian Guidelines for the Treatment of Adults with Acute Stress Disorder and Posttraumatic Stress Disorder. Melbourne: ACPMH.
National Institute of Clinical Excellence (2005). Post-traumatic stress disorder – the management of PTSD in adults and children in primary and secondary care. National Clinical Practice Guideline Number 26. London: Gaskell and the British Psychological Society.
Rudolf, G. & Eich, W. (1999). Die Entwicklung wissenschaftlich begründeter Leitlinien. Psychotherapeut, 44, 124-126.



