Ein persönlicher Nachruf auf Wolfgang Lempa von Dr. Martin Sack

Am 5.5.2011 ist Dr. biol. hum. Wolfgang Lempa nach schwerer Krankheit in München verstorben. Wir verlieren mit seinem Tod ein sehr kreatives und engagiertes Mitglied unserer Fachgesellschaft. Wolfgang Lempa gehört zu den Pionieren der Traumatherapie in Deutschland und zu den Gründungsmitgliedern der DeGPT.

Kennengelernt habe ich Wolfgang als noch relativ unerfahrener Assistenzarzt 1993: Ich fand es seltsam, dass er als Psychologe auf der medizinischen Visite der psychosomatischen Station mit dabei sein wollte. Hatte er nichts Besseres zu tun; er war doch mit seiner Ausbildung als Psychologe gar nicht dafür qualifiziert? Anstelle aus meinem etwas überheblichen Kommentar einen Konflikt entstehen zu lassen, hat Wolfgang die Situation mit Humor genommen: er freue sich, so einen engagierten neuen Kollegen bekommen zu haben; das mit der Visite würde ich schon noch verstehen lernen. Er hat Recht behalten – heute ist mir die Zusammenarbeit von Psychologen und Ärzten auf Augenhöhe selbstverständlich, und Wolfgang hat ganz wesentlich zu meiner beruflichen Qualifikation beigetragen, indem er mich großzügig an seinem Wissen und seiner Erfahrung teilhaben ließ. Ich war dann in der Folge sehr froh, ihn auf den Visiten als Unterstützung dabeizuhaben. Er war sicher mein wichtigster klinischer Lehrer, manchmal mit nur kleinen Anregungen, die aber wirkungsvoll waren: „Lass Deine Patienten nicht so hängen, Du musst Dich aktiver einbringen“, „Sei nicht so streng, Du solltest Deine Patienten mehr loben“, „Würdest Du Dich etwa an die Therapieordnung halten?“.

Eine wichtige Erkenntnis für mich war auch der Blick auf die Lebensbedingungen und den Kontext, in dem die Behandlung stattfindet; „dem Patienten kann es doch gar nicht besser gehen, solange er keine Zukunftsperspektive hat“.
Von Wolfgang habe ich eine radikal ressourcenorientierte Perspektive in der Psychotherapie kennen und schätzen gelernt: „die magersüchtige Patientin nimmt nicht zu – sie ist so stark, sich nicht einfach etwas vorschreiben zu lassen“; „der Patient hat seine Medikamente nicht eingenommen – er hat aus schlechten Erfahrungen gelernt und verlässt sich nicht einfach auf den Rat fremder Menschen“; „die Patientin hat die Therapie nach zwei Tagen abgebrochen – sie hat sich geschützt, das war gut so“. Jedes psychische und psychosomatische Symptom lässt sich als Selbstheilungsversuch oder als Versuch zur Selbstregulation und Problembewältigung verstehen. Es ist nichts Falsches daran, im Bemühen, sein Leben zu meistern, zu scheitern und sich in Behandlung begeben zu müssen. In gewisser Weise stellt das sogar eine Auszeichnung dar – da hat sich jemand mit aller Kraft bemüht, er hat alles gegeben und kommt jetzt in die Situation, Hilfe annehmen zu müssen. Es ist ein besonderes Privileg, wenn man als Therapeut Menschen in Lebenskrisen helfen und begleiten darf.

Nicht zuletzt habe ich von Wolfgang gelernt, dass die vielen verschiedenen Psychotherapieverfahren Ziele verfolgen, die sich nur gering voneinander unterscheiden, und dass es sinnvoll ist, ein umfangreiches Handwerkszeug von Techniken zu erlernen, die sich dann flexibel auf die Bedürfnisse von Patienten angepasst einsetzen lassen.

Wolfgang war unglaublich wissbegierig und lernbereit. Er hat zuerst ein Studium der Mathematik und Physik fast zu Ende geführt, dann in Trier Psychologie studiert, nebenbei Statistikseminare für Studenten gehalten. Er hat dann Ausbildungen in so ziemlich allen Therapierichtungen gemacht und sich besonders intensiv mit Psychoanalyse (Lehranalytiker, Institutsleitung), Familientherapie und Systemischer Therapie und natürlich Traumatherapie befasst. Wolfgang Lempa hat sich schon sehr bald, nachdem die Traumatherapie in Deutschland zunehmend Verbreitung erfuhr, mit EMDR beschäftigt, ist Supervisor, Facilitator und EMDRIA-Vorstandsmitglied geworden. Er hat als Dozent in einem Verhaltensthera-peutischen Institut unterrichtet und war unter anderem regelmäßig Dozent bei den Psychotherapiewochen Langeoog, zuletzt dann etliche Jahre im Leitungs- und Planungskreis der Psychotherapiewochen Langeoog.

Ressourcen waren Wolfgangs Leib und Magenthema. Er hat sehr frühzeitig die ressourcenorientierte Psychotherapie aufgegriffen, Klaus Grawe zitiert, Peter Fürstenau rezipiert und sich vor allem in der praktischen Arbeit mit Patienten immer für deren Ressourcen interessiert. Eine lange Liste an Publi-kationen dokumentieren seine vielfältigen Interessen und sein wissenschaftliches Engagement gerade zu diesem Thema.
Zu der von Wolfgang gelebten und verkörperten Ressourcenorientierung gehörte sein herzhaftes Lachen, seine Fröhlichkeit in Gesellschaft, sein Humor auch als Vortragender und als Supervisor und seine Neugier auf kreative Lösungen.
Eine Weiterbildungsteilnehmerin erzählte, dass Sie in Verzweiflung Wolfgang Lempa angerufen habe, nachdem sie im Urlaub Opfer eines Raubüberfalls wurde und anhaltend belastet war. Wolfgang habe ihr in seiner eigenen humorvollen Weise und gleichzeitig in wertschätzender Weise gesagt: „Ach, das ist doch nur ein kleines Traumachen, das machen wir wieder weg“. Durch diese Intervention sei sie schnell beruhigt gewesen, und es sei ihr danach bereits besser gegangen.

Durch viele gemeinsame Weiterbildungen sind Wolfgang Lempa, Barbara Gromes und ich als Team gemeinsam gewachsen. Wolfgang hat uns immer Mut gemacht und angespornt, an die Öffentlichkeit zu gehen, er hat den Begriff ‚Traumatherapie „light“’ gefunden, den wir später durch den Begriff „Schonende Traumatherapie“ ersetzt haben. Er hatte Spaß daran, mit neuen Ideen frech und provokativ Widerspruch auszulösen, gleichzeitig konnte er ausgezeichnet vermitteln und Konflikte schlichten.

Wolfgang hat sich ganz besondere Verdienste in der Weiterbildung, der Supervision, der Ausbildung von Psychotherapeuten und der Anleitung von Kollegen erworben. Besonders gerne und erfolgreich hat er sein Wissen an Studenten weitergegeben. Lehrender zu sein, hat ihm immer sehr viel Freude gemacht, und es ist ihm in ausgezeichneter Weise gelungen, Kollegen zu motivieren, möglichst viel zu lernen und ein integratives Verständnis von Psychotherapie zu entwickeln. Er wusste, dass man als Psychotherapeut nur dann wirklich gut ist, wenn man sich damit arrangiert, nicht perfekt sein zu können, und dass man lebenslang Lernender bleibt.

Es ist sehr schade, dass er so früh von uns gegangen ist.

13.5.2011
Martin Sack