Es ist nicht vorbei
Zum Mauerfall-Jubiläum sendet das Erste klug als Psychothriller verpacktes Geschichtsfernsehen. Der Fiction über das berüchtigte DDR-Frauengefängnis in Hoheneck folgt eine beklemmende Doku.
22 Jahre nachdem die Mauer weg musste, ist vorerst auch der letzte Film zum Thema abgedreht. Das schafft Platz für neue, scheinbar kleinere Themen im deutsch-deutschen Miteinander. Die SWR-Produktion „Es ist nicht vorbei“ zeigt auf beklemmende Weise, wie sehr der Staatsterror der DDR bis heute scheinbar geordnetes Leben ins Wanken bringen kann. Klug als Psychothriller verpackt erzählt der Film das Duell zwischen einer ehemaligen Gefangenen im Frauengefängnis Hoheneck und jenem Mann, den sie als ihren damaligen Peiniger verdächtigt. Im direkten Anschluss läuft im Ersten um 21.45 Uhr die 30-minütige Dokumentation „Die Frauen von Hoheneck“.
Carola Weber (Anja Kling) traut ihren Ohren nicht, als sie bei einem kleinen Abendessen im Kreise von Kollegen ihres Mannes (Tobias Oertel) plötzlich eine Stimme vernimmt. Ein Organ, welches sie aus der schlimmsten Zeit ihres Lebens in Erinnerung behalten hat. In Professor Wolfgang Limberg (Ulrich Noethen), einem großartig beleumundeten Neurologen, den Ehemann Jochen als Personalchef einer Klinik im tiefen Westen Deutschlands eingestellt hat, glaubt Carola jenen Arzt zu erkennen, der sie einst im berüchtigten DDR-Frauengefängnis Hoheneck peinigte.
Aufgrund von Experimenten mit Psychopharmaka kann Carola Weber keine Kinder bekommen. Durch einen Arbeitsunfall im Medikamenten-Delirium verlor sie zwei Finger. Die ersehnte Karriere als Pianistin musste sie an den Nagel hängen. Nun, da eine Leihmutter kurz vor der Geburt von Carola und Jochens erstem Kind steht, gerät die geordnete Idylle des Paares plötzlich ins Wanken. Carola konfrontiert Limberg mit ihrem Verdacht. Doch der bestreitet, jemals in Hoheneck gewesen zu sein oder für die Stasi gearbeitet zu haben.
In zehn Jahren Ehe hat Carola ihrem Mann allerdings nie von der Haft und den nachfolgenden psychischen Problemen erzählt. Kein Wunder, dass der ins Grübeln gerät, als Limberg andeutet, das alte Trauma seiner Frau könne wieder aufgebrochen sein und sich in wahnhaften Ideen Ausdruck verleihen. Carola beginnt, im Leben Limbergs nach Informationen zu suchen, die ihren Verdacht beweisen. Während sie für ihr Umfeld immer mehr den Boden der Realität zu verlassen scheint, muss sie sich auch ihrer eigenen Vergangenheit stellen. Auch durch eine Rückkehr nach Hoheneck.
Ist er's oder ist er's nicht? Haben wir es mit einer perfiden schauspielerischen Leugnungsleistung zu tun oder werden wir Zeuge eines sich nach und nach perfektionierenden Wahnsystems? In klassischer Hitchcock-Manier wird diese Frage bis kurz vor Schluss offen gehalten, woraus der Film seine düster-spannende Atmosphäre bezieht. Ulrich Noethen zeigt dabei eine der besten schauspielerischen Leistungen des Fernsehjahres und auch Anja Klings Reise in die Tiefen einer traumatischen Vergangenheit überzeugt.
Das Frauengefängnis Hoheneck im sächsischen Erzgebirge steht für eines der düstersten Kapitel der DDR: Politische Gefangene wie gescheiterte Republikflüchtlinge oder auch nur abgewiesene Antragssteller wurden mit Schwerverbrecherinnen in enge Zellen gesteckt. Dazu gab es Folter durch Schlafentzug, Dunkel- und Wasserzellen. Medikamente, darunter Psychopharmaka mit heftigen Nebenwirkungen, sollten die Gefangenen ruhig stellen. In der Dokumentation „Die Frauen von Hoheneck“ kommen die echten Opfer zur Sprache. Ihre Geschichten zeigen, wie sehr die Geschehnisse von Hoheneck abseits der Thriller-Fiction tatsächlich bis tief in die Gegenwart reichen.
Eric Leimann
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