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Hannas Entscheidung
Friedemann Fromms Melodram behandelt ein bekanntes Nachkriegsschicksal: Ein körperlich und seelisch versehrter Mann kehrt nach mehrjähriger Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück. Damit beginnt eine schwere Prüfung für alle Beteiligten.
"So lass Dir doch helfen", fleht Hanna (Christine Neubauer) ihren Karl (Edgar Selge) an, aber der beharrt darauf, in der Werkstatt das alleinige Sagen zu haben. Bild von: ARD / Degeto / Toni Muhr
Von Hobeln und Spänen
Man muss natürlich nicht gleich den Literaten Marcel Proust und die berühmte Stelle mit dem Madeleinengebäck herbeizitieren. Aber irgendwie geht's im ARD-Melodram „Hannas Entscheidung“ ja auch um die Suche nach einer verlorenen Zeit. Und die Szene mit dem Gugelhupf, die hat schon was. Eben ist der Tischler Karl Forster nach sechsjähriger Kriegsgefangenschaft in sein oberbayerisches Heimatdorf zurückgekehrt. Die Familie hat die Sonntagsklamotten übergestreift und ihn herzlich empfangen. Aber erst, als er am Küchentisch sitzt und in den Kuchen beißt, begreift der versehrte, ausgemergelte Mann so voll und ganz, dass er wieder daheim ist.
Edgar Selge, der vielleicht physisch Eindrucksvollste unter den deutschen A-Klasse-Schauspielern, macht aus diesen Momenten ganz großes Pantoffelkino. Er mampft, prustet, jubiliert, ist den Tränen nahe, während ihn die Familie ungläubig und ein bisschen hilflos anstarrt. Da ahnt man: Das hier wird nicht die übliche Freitagabend-Berieselung mit Zeitgeschichtskolorit.
Daran hat auch die weibliche Hauptdarstellerin ihren Anteil: Christine Neubauer spielt - ja, mal wieder - ein tatkräftiges Vollweib, das in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs um ein bisschen Emanzipation ringt. Aber unter der Regie eines Könners wie Friedemann Fromm („Die Grenze“, „Weissensee“) kommt unter diesen Voraussetzungen eben kein gefälliges Narkosefernsehen zustande, sondern glaubhafte, ergreifende Erzählkunst.
Zumal hier eine Geschichte (Buch: Benedikt Röskau) verhandelt wird, die repräsentativ für viele Nachkriegsschicksale steht. Während die Männer an der Front waren, kämpften daheim die Frauen ums Überleben ihrer Familien. In Abwesenheit der Patriarchen wandelten sie sich der Not gehorchend zum selbstbestimmten Familienoberhaupt. Was aber, wenn die Männer heimkehrten, versehrt an Körper und Seele, und die alte Rollenverteilung einforderten?
Karl Forster, ein versierter, hoch angesehener Tischlermeister, will nach den Jahren des Leids, dass alles so sei wie ehedem. Doch ein gelähmter Arm, den er einem Unfall im Kriegsgefangenenlager verdankt, macht ihm das Arbeiten schwer. Nachts holen ihn die Traumata ein, er brüllt, wütet und fantasiert wie im Rausch. Nur helfen lassen mag er sich nicht. Zumindest nicht in der Werkstatt, die Gattin Hanna (Neubauer) in den letzten acht Jahren mit beeindruckenden Fertigkeiten weitergeführt hat. Am liebsten will Hanna, die das Handwerk liebt, die Meisterprüfung nachholen. Aber das mag ihr Karl nicht zugestehen, die Leute sollen wissen, dass er der Herr von Hobel und Kreissäge ist.
„Der Krieg hat sie alle kaputtgemacht“, weiß die strenge Schwiegermama (Elisabeth Orth), die Hanna in diesen traurigen Tagen auch keine moralische Stütze ist. Finanzielle Engpässe und eine offene Rechnung mit dem Bürgermeister (August Schmölzer), einem korrupten Altnazi, spitzen die Lage zu. Hanna ist bereit, mit dem Teufel zu paktieren, will Karls Erzfeind die Tischlerei heimlich verkaufen. Das weckt den Zorn ihres labilen Gatten. Hier der Furor des Versehrten, dort die mütterliche Pragmatik. Wo gehobelt wird, da fallen Späne.
Man hat es auf diesem Sendeplatz nicht oft gesehen, dass seelische Wunden nicht wundersam zuheilen, sondern immer weiter aufreißen, bis es irgendwann einfach nicht mehr weitergeht. Nachdem das ZDF in seinem Heileweltresort - dem Sonntagabend - die Romantikschrauben zuletzt merklich gelockert hat, zieht man nun offenbar auch im Ersten mit diesem schonungslos aufrichtigen Historiendrama nach - klugerweise mit der großen Identifikationsfigur vorneweg. Christine Neubauer ist dieser Tage auch privat bemüht, sich neu zu erfinden. Beruflich ist ihr das mit dieser beachtlichen Leistung vielleicht noch besser gelungen
Jens Szameit
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