ARD Mediathek
Bis nichts mehr bleibt
Ein mutiger Film über ein heikles Thema: Hinwendung zu einer Sekte in einer Lebenskrise mit unüberschaubaren Folgen.
Helen Berg (Nina Kunzendorf) erläutert Frank (Felix Klare) geübt und energisch, warum sein Persönlichkeitstest umgehendes Handeln erfordert und wie Scientology ihm dabei helfen kann. Bild von: SWR / Christine Schroeder
Der Scientology-Film
Der Mut wurde belohnt: Über achteinhalb Millionen Zuschauer schalteten ein, als die ARD 2010 den ersten Spielfilm aus Deutschland ausstrahlte, der sich mit dem Thema Scientology auseinandersetzte. Vor allem ist die teamWorx-Produktion „Bis nichts mehr bleibt“, die das Erste nun zur besten Sendezeit wiederholt, aber auch ein herausragendes Familiendrama. Ein Film, der mitreißt, der bewegt. Wenn sie hier zerbricht, die einstmals so beneidenswerte Familienidylle, dann leidet der Betrachter mit. Exzellent gespielt, dramaturgisch klug erzählt, schlicht, aber gelungen fotografiert.
Ja, „Bis nichts mehr bleibt“ ist herausragendes Fernsehen. Doch wahrgenommen wurde dieser Film, der gut und gerne auch zweimal 90 Minuten hätte dauern können, aufgrund seines sensiblen Themas. Er beschreibt die Methoden von Scientology. Es geht um Verführung und Verführte, um Macht und deren Missbrauch, um Verblendung und Hörigkeit. Aber auch um Hoffnung ...
Regisseur Niki Stein, der mit teamWorx zuletzt das Historiendrama „Rommel“ drehte, bricht das schwierige Feld auf den Raum einer Familie herunter, die sich entzweit. Vater, Mutter und - klar geht das ans Herz - auch das kleine Kind. Es ist zunächst der Vater, der auf Scientology aufmerksam wird. Oder umgekehrt. Franks (Felix Klare) Karriere ist ins Stocken geraten, er verliert den Glauben an sich selbst. Er lernt den Anwalt Gerd Ruppert (Kai Wiesinger) kennen, der ihn einführt in eine neue Welt.
Schließlich kommt auch Gine (Silke Bodenbender), Franks Frau, mit in die Organisation und steigt dort zügig auf. Parallel mit ihrer Entwicklung wird Frank klar, welche Entbehrungen Scientology von ihm und seiner Familie fordert. Er spürt, wie sein eigener Wille verlorengeht, wie ihn „Ethik-Offiziere“ bevormunden. Er wird den Ausstieg versuchen, doch er muss es alleine tun. Seine Frau bleibt treu. Und ihr gemeinsames Kind mit ihr.
Unter falschem Titel wurde der Film 2010 gedreht. Nur um sicherzugehen, dass Scientology keine vorzeitigen Versuche unternimmt, die Produktion zu stoppen. Steins Drehbuch basiert vor allem auf den Berichten eines Aussteigers, versteht sich aber nicht als Biografie. Er vereint vielmehr Erinnerungen mehrerer Informanten, die zu einer am Ende fiktiven, wohl aber, wie betont wird, inhaltlich auf Tatsachen beruhenden Geschichte zusammengeführt wurden. Zahllose Fachbegriffe werden aufgeführt, Strukturen vorgestellt. Nicht alles wird erklärt, vieles steht lose im Raum in einem Film, der von seinem Betrachter einiges verlangt.
Wie, fragt man sich, müssen Menschen ausgelegt sein, die sich in dieser Weise verführen lassen? Wie kann die innere Struktur von Scientology so unbekannt für die Öffentlichkeit bleiben? Viele Fragen bleiben offen, wohl aber wird klar: Psychologie spielt eine große Rolle. Und mit ihr der Traum der Scientology-Anhänger von einer großen Gemeinschaft, die inmitten einer zunehmend auch sozial auseinander driftenden Gesellschaft eine neue Heimat bilden soll.
Neben den ungemein glaubwürdig agierenden Hauptdarstellern Felix Klare (bekannt als Stuttgarter „Tatort“-Kommissar) und Silke Bodenbender wurde eine namhafte Riege weiterer Schauspieler verpflichtet: Robert Atzorn und Sabine Postel als Gines Eltern sowie Suzanne von Borsody als Franks Anwältin gehören dazu. Sie stellt im Sorgerechtsprozess um das Kind, der die Klammer zum Film bildet und auch zwischendurch immer wieder aufgenommen wird, die richtigen Fragen, die auch den Zuschauer interessieren. Ein kleiner, aber feiner dramaturgischer Kniff, der dafür sorgt, dass man dran bleibt an diesem außergewöhnlichen Drama, das seine Spuren hinterlässt.
Kai-Oliver Derks
Weitere Informationen
Zum Beitrag in der ARD Mediathek
Mit freundlicher Genehmigung von teleschau | der mediendienst



