Die Einsamkeit der Primzahlen
Ein feinsinnig erzählter Film nach dem Erfolgsroman von Paolo Giordano.
"Die Einsamkeit der Primzahlen“ ist vielleicht einer der einfühlsamsten Romane, die je geschrieben wurden. Mattia und Alice, ein Junge und ein Mädchen, voneinander getrennt und einander verbunden, wandeln durch ihr Leben. Beide wurden von traumatischen Kindheitsereignissen früh geprägt. Gleichwohl ist Paolo Giordanos Erzählung eine sehr traurige, ohne klassisches Happy End. Wie also soll man diese ins Kino übersetzen?
Das Buch des 26-jährigen Giordano nimmt sich für die verschiedenen Lebensphasen bis Mitte 20 viel Zeit, erzählt von der Kindheit, von den prägenden Ereignissen. Die italienisch-deutsch-französische Koproduktion hingegen konzentriert sich auf die Gegenwart der jungen Erwachsenen, geht nur in kurzen Episoden zurück. Als Schüler fanden Mattia (Luca Marinelli) und Alice (Alba Rohrwacher) zueinander. Die jungen Außenseiter trafen sich auf einer Party. Jedoch ohne oberflächliches Geplänkel. Beide fühlten die Einsamkeit des anderen, den großen dunklen Fleck im Herzen.
Mattia ist verantwortlich für das Verschwinden seiner Zwillingsschwester Michela. Nur einmal, als er ein kleiner Junge war, hatte er keine Lust, auf sie aufzupassen. Alice hingegen stürzte unglücklich beim ihr verhassten Skifahren. Der Unfall prägt ihr Leben wie Michelas Verschwinden das von Mattia.
Doch wie der Titel schon sagt, ist das nicht der Anfang eines Happy Ends. Sie rutschen an der harten und glatten Außenwand des anderen ab, mal der eine mehr, dann der andere. Insbesondere Mattia ist ein Genie der Mathematik, zwischenmenschliche Bindungen kann er sich, so ganz ohne Formeln, nicht vorstellen.
Auch wenn das keine Geschichte über Liebe in erster Linie ist, gibt es magische Momente zwischen den beiden. Manche Bilder sind so schön, dass man sie ins Museum hängen könnte. Was weder Drehbuch noch Regie planen konnten, ist das Zusammenspiel von Luca Marinelli und Alba Rohrwacher. Sie bestimmen die Figuren, verinnerlichen sie, arbeiten körperlich. Rohrwacher nimmt grenzwertig ab, Marinelli viel Gewicht zu. Beide verdeutlichen in ihrem schlafwandlerischen Dasein die Sehnsucht nach Normalität, haben den Wunsch, irgendwo hinzugehören, können jedoch nicht aus ihrer Isolation.
Alba Rohrwacher ist ein durchscheinendes Mädchen, vermutlich nicht von dieser Welt. Sie sei, so erklärte die erfolgreiche Schauspielerin kritisch, der Alice aus dem Buch zu ähnlich. Das habe sie beschäftigt. Mutig spielte sie dagegen an, unterstützt von einem Regisseur, der von seinen Schauspielern jeden Tag eine Überraschung erwartete und Improvisieren wünschte.
In diesem Zusammenhang sei Isabella Rossellini erwähnt, die Mattias Mutter spielt. Eine kleine Aufgabe für eine große Frau.
V:NFP, I / D / F 2010, R: Saverio Costanzo, D: Alba Rohrwacher, Luca Marinelli, Isabella Rossellini u.a.
Claudia Nitsche
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