Anmerkung zu dem Spiegelartikel „Falsche Erinnerungen. Wenn die Tochter dem Vater plötzlich Missbrauch vorwirft“ Spiegel 20.05.2019 von Julia Jüttner

Antwort der DeGPT auf den Artikel

Folgender Text wurde an die Redaktion des Spiegels gesendet: 

Sehr geehrte Spiegelredaktion, sehr geehrte Frau Jüttner,

als Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT), begrüßen wir es sehr, dass Sie in Ihrem Artikel „Falsche Erinnerungen“ bzw. „Wenn die Erinnerung trügt“ ein wichtiges Thema aufgreifen. Dieses Thema berührt einen aktuellen und dringend notwendigen Diskurs zwischen Juristen/Juristinnen und Psychotherapeuten/Psychotherapeutinnen. Wir sehen in Ihrem Artikel jedoch die wissenschaftlichen Positionen und Erkenntnisse der Psychotherapie und die daraus üblichen Therapie-Interventionen nicht angemessen berücksichtigt. In dem genannten Artikel kommen vor allem Personen des False-Memory-Vereines zu Wort sowie Juristen, die den Fokus Ihrer Arbeit auf Prüfung von Korrektheit und Zuverlässigkeit von Erinnerungen, insbesondere in Zusammenhang mit strafrechtlichen Ermittlungen legen. Im Strafrecht gilt der Grundsatz „In dubio pro reo“ bzw. „Im Zweifel für den Angeklagten“. 

In der psychotherapeutischen Arbeit mit traumatisierten Patienten/Patientinnen, die im Artikel ebenfalls thematisiert wird, ist der Fokus jedoch ein anderer. Hier geht es primär um die Behandlung von Symptomen, also von mehr oder weniger schweren psychischen Beeinträchtigungen, die Infolge einer seelischen Verletzung entstanden sind. Insbesondere geht es um ein besseres Verständnis der Traumaerinnerung durch den Patienten/die Patientin, sowie um eine Integration dieser Erinnerung in ein bereits bestehendes persönliches Erinnerungsnetz. Dabei unterstützt der Traumatherapeut/die Traumatherapeutin.

Traumatische Erlebnisse an sich sind kein Krankheitsbild, sondern erst die psychische Reaktion auf das potentiell traumatische Ereignis. Den Artikel durchzieht weiterhin das Missverständnis, dass traumafokussierte Therapie daraus bestehen würde, Erinnerung zu rekonstruieren. Traumafokussierte Psychotherapie, eine sichere und von aktuellen Leitlinien empfohlene Therapieform für die Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung, arbeitet insbesondere mit dem Umgang mit Erinnertem und dessen psychischen Folgen. Sie kann traumatisierten Menschen helfen, in den Alltag zurückzukehren und mit den Erinnerungen zu leben. Traumatherapeuten/Traumatherapeutinnen sind sich der Tatsache subjektiv gefärbter, manchmal auch trügerischer Erinnerungen stets bewusst. Hier sind sich Kliniker/Klinikerinnen und Forscher/Forscherinnen einig, dass eine Gedächtniswiedergabe keiner Videoaufzeichnung entspricht.

Der Traumatherapeut/die Traumatherapeutin arbeitet gemeinsam mit der Patientin/dem Patienten an den Erinnerungen des traumatischen Ereignisses. Eine traumafokussierte Psychotherapie zielt ggf. auch darauf ab, biographische Erinnerungen aus „Fragmenten“ zusammen zu setzen. Dies ist insbesondere dann erforderlich, wenn durch schwere dissoziative Störungen umfassende Erlebnis- und Erfahrungsbereiche dem Alltagsbewusstsein nicht zugänglich sind. Von daher kann die Zitierung des Rechtspsychologen Steller "Missbrauch vergisst man nicht." in Ihrem Artikel irreführend sein: Auch wenn traumatische  Erfahrungen im neurobiologischen Sinne nicht „vergessen“ werden können, so können sie doch wegen ihrer toxischen Wirkung jahrelang abgekapselt und abgespalten werden, sodass sie dem Alltagsbewusstsein jahrelang nicht oder nur sehr unvollständig zugänglich sind. Es gibt also durchaus  „wiedererlangte Erinnerungen“. Die Ergebnisse der Gedächtnisforschung über (traumatische) Erinnerungen wurde von verschiedenen Fachgesellschaften zusammengefasst und zu dem Phänomen der „falschen“ und „wiedererlangten“ Erinnerungen („false memory “ und „recovered memory“) Positionspapiere erarbeitet. Danach kann es sich – auch bei wiedererlangten Erinnerungen – sowohl um valide als auch um konfabulierte oder Pseudo-Erinnerungen (false memories) handeln, die zudem in verschiedenen Kombinationen auftreten können. Daraus leitet sich für die Empfehlung ab, im therapeutischen Umgang mit traumatischem Material, skeptisch zu glauben und empathisch zu zweifeln. Die Berücksichtigung dieser Erkenntnisse ist in der Behandlung traumatisierter Patienten/Patientinnen in Leitlinien und daraus abgeleiteten Fortbildungscurricula psychotherapeutischer Standard. 

Selbstverständlich ist es nicht Fokus der aktuellen Psychotherapien, Erinnerungen suggestiv hervorzurufen. Es geht vielmehr darum, genau diejenigen Reaktionen und Vorgänge während des Traumas besser zu verstehen, die der Patient/die Patientin nicht gut einordnen kann. Auf dieser Basis kann die Therapie dazu beitragen, mit quälenden Erinnerungen oder Erinnerungsfetzen umgehen zu lernen und diese in ein autobiographisches Gesamtverständnis einzubauen. Die Arbeit mit Erinnerungsbewertungen und subjektiven Erklärungen sind hier wesentlich.